Die Mensch-Tier-Grenze in der Frühen Neuzeit

Pia F. Cuneo (Hrsgin): Animals and Early Modern Identity.
Ashgate Publishing. Farnham und Burlington, September 2014, 426 S., 61 s/w Abb. Hardcover 67,50 £ / 110,57 € (ISBN 978-1-4094-5743-5).

rezensiert von Daniel Lau
Diese Rezension ist erschienen in Tierstudien (8/2015)

Die cartesische Weltsicht des 17. Jahrhunderts geht davon aus, dass „Tiere“ ohne Vernunft und seelenlos sind und dass sie für den Menschen geschaffen worden seien. Doch gibt es auch Gegenstimmen, die das Quälen nichtmenschlicher Tiere verurteilen und Pflichten des Menschen gegenüber den anderen Tieren geltend machen wollen.(1) In diesem Spannungsfeld agiert der von Pia Cuneo herausgegebene und mit einer Einleitung versehene, 16 Aufsätze umfassende Band, der sich der Frage widmet, wie „Tiere“ auf die Humangesellschaft der frühen Neuzeit identitätsstiftend wirkten. Dabei liegt der Fokus der Betrachtungen auf der Mensch-Tier-Grenze. Die Beiträge folgen dem Identitätsbegriff nach Jacques Lacan, der Identität als instabil, flüchtig und prekär betrachtet und daher immer wieder reaktualisiert und neu verhandelt werden muss.

Die Beiträge sind in drei Teile organisiert, die verschiedene Zustände einer fluktuierenden Mensch-Tier-Grenze behandeln: Im ersten Teil wird diese Grenze klar abgesteckt, um Identität zu konstruieren und Klassen voneinander abzugrenzen. Das 1. Kapitel behandelt Bilder von Hunden und Schweinen, die von der Elite auf die Ess- und Trinkgewohnheiten der niederen Stände übertragen werden, mit dem Ziel das Benehmen der Bürger zu steuern. Das 2. Kapitel beschäftigt sich mit der Konstruktion der Adelsschicht durch das Sammeln von Tieren und Tierbildern. Das 3. Kapitel untersucht inwiefern die Tierdarstellungen im Labyrinth Louis XVI in Versailles einen Gegenentwurf zur königlichen Ordnung darstellen und damit zugleich die Macht des Herrschers über die Natur hervorheben. Die drei folgenden Artikel fokussieren auf die Konstruktion der Elite durch das Pferd: Das Ausrichten von Pferderennen, Pferdezucht und der Umgang mit dem Pferd als Statussymbol.
Im zweiten Teil zeigen die Artikel, wie durch das Verschieben der Mensch-Tier-Grenze Identitäten ebenfalls fluktuieren können. Die nächsten beiden Artikel rücken ebenfalls das Pferd in den Mittelpunkt der Betrachtung und zeigen, wie die Einbeziehung des Pferdes Auswirkungen auf den menschlichen Alltag oder das Kriegsgeschehen haben konnte. Der 9. Artikel untersucht Shakespeares Richard III. dessen Identität sich mit einem Keiler vergleichen lässt und als Grenzgänger das alte England zugleich in eine modernisierte Monarchie führt. Der 10. Beitrag widmet sich, ausgehend vom liturgischen Geese Book, der Frage nach dem Status der „Tiere“ in der Frühen Neuzeit. Der 11. Aufsatz führt nach Südafrika und zeigt, wie die niederländischen Siedler über den Handel mit domestizierten Tieren mit den Indigenas in Kontakt kamen.
Der dritte Teil diskutiert wie die Speziesgrenze durchdrungen werden konnte. Der 12. Artikel zeigt beispielsweise auf, dass die Klassen-Identitäten in Spanien nicht festlegten, wie das Verhältnis zu nichtmenschlichen Tieren zu regeln war, sondern, dass auch individuelle Einstellungen gegenüber „Tieren“ möglich waren. Der 13. Artikel demonstriert, wie das Sammeln exotischer Tiere einen Einfluss darauf haben konnte, die eigene Identität zu überdenken. Der 14. Beitrag behandelt zwei monströse Mensch-Tier-Hybriden, die an sich bereits die Speziesgrenze transzendieren. Eine unfixierte, fließhafte Identität wird auch den Fischen zugeschrieben, die im 15. Aufsatz thematisiert werden. Der letzte Beitrag parallelisiert die Erziehung und das Training von Mensch und Pferd in Italien.

Der Sammelband demonstriert, dass die Mensch-Tier-Grenze in der Frühen Neuzeit nicht als starre und unverhandelbare Demarkationslinie gedacht war, sondern dass sie in Abhängigkeit von Perspektive, Klasse und persönlicher Einstellung besteht und nicht nur verschoben sondern auch durchdrungen werden kann. Diese unterschiedlich gedachte Speziesgrenze diente der Konstruktion sozialer Identität.

(1): Siehe dazu: Renate Brucker, Die Idee der Tierrechte. In: L. Tolstoi, C. Wichmann, E. Reclus u.a., Das Schlachten beenden! Verlag Graswurzelrevolution: Heidelberg 2010, 17–31.