Elitenforschung in der Archäozoologie

Benjamin S. Arbuckle/Sue Ann McCarty (Hrsg.): Animals and Inequality in the Ancient World.
University Press of Colorado. Boulder, 2014, 400 S., 27 s/w Fotografien, 47 s/w Abbildungen, 12 Karten, 17 Tabellen. Hardcover 70,00 $ / 65,84 € (ISBN 978-1-60732-285-6). Ebook 56,00 $ / 41,26 € (EISBN 978-1-60732-286-3).

rezensiert von Daniel Lau
Diese Rezension ist erschienen in Tierstudien (10/2016)

Der Sammelband umfasst 17 Beiträge, die sich aus überwiegend archäozoologischer Perspektive der Frage annehmen, inwiefern Tiere soziale Ungleichheit in der Humangesellschaft erschaffen, manipulieren oder dekonstruieren können. Tiere fungieren als wirkungsmächtige Symbole in menschlichen Netzwerken und materialisieren und naturalisieren soziale Ungleichheit (S. 2). Mit acht Beiträgen liegt der räumliche Schwerpunkt auf Fallstudien aus der Neuen Welt, weitere Beiträge beziehen sich auf den europäischen und westasiatischen Raum, auf China, Zentralasien und Afrika. Die Beiträge decken einen Zeitraum von der europäischen Mittelsteinzeit bis hin zu zum 17./18. Jahrhundert in Afrika ab.
Als Quellenmaterial dienen überwiegend Knochenfunde und andere Faunenreste, die hinsichtlich ihrer Bedeutung im sozialen Kontext interpretiert werden. Allein anhand des archäozoologischen Materials ist es jedoch nicht möglich soziale Ungleichheit zuverlässig zu re-konstruieren. Es ist notwendig andere Indizien hinzuzuziehen, wie beispielsweise ikonographische oder schriftliche Zeugnisse. Diese Kritik wird auch in einem der Beiträge vorgebracht (S. 169), ich hätte eine allgemeine Formulierung jedoch bereits in der Einleitung erwartet. Levent Atici benutzt hingegen das reichhaltige Textmaterial, dass die altassyrischen Kaufleute in der Mittelbronzezeit hinterlassen haben, gesteht jedoch ein, dass dieses Material alleine einen nur sehr begrenzten und einseitigen Einblick gewährt und dass für weitergehende Forschungen Faunenreste herangezogen werden müssen.
Drei Beiträge gehen auf die Produktion von Wolle für die Textilherstellung ein und zeigen, dass die Kontrolle der Elite über große Schafsherden ein wichtiger Faktor in der Entwicklung komplexer gesellschaftlicher Systeme darstellte. Einen Kontrapunkt zu den anderen Beiträgen, die stark auf die Konstruktion gesellschaftlicher Hierarchien eingehen, stellt der Artikel von Joshua Wright dar, der zeigt, dass die lange Zeit als Statussymbole gedeuteten Pferdebestattungen bzw. -opferungen im bronzezeitlichen Zentralasien eine gesellschaftlich nivellierende Funktion hatten.
Zwei deutliche Kritikpunkte sind an dem ansonsten vorbildlichen Sammelband vorzubringen. Zum einen wird erneut eine “Archäologie von oben” gezeigt, die sich nicht fragt, wie das Leben der unteren sozialen Schichten aussah, sondern, wie das Leben der Elite gestaltet war. Und zum anderen werden die Faunenreste dazu instrumentalisiert, einseitig die Humangesellschaft zu rekonstruieren, anstatt den wechselseitigen Einfluss, der das Verhältnis von Menschen zu Nichtmenschen ausmacht, zu erforschen. Diese Punkte zeigen, dass sich die Archäozoologie zwar vom bloßen Datensammeln zu einer “sozialen” Zooarchäologie weiterentwickelt hat, eine gesellschaftliche Fragestellung (hier: soziale Ungleichheit) jedoch noch nicht bedeutet, dass der Ansatz dadurch kritisch reflektiert würde oder zur Rekonstruktion der Mensch-Tier-Verhältnisse beitragen könnte. Dabei wurde bereits 2013 in der archäozoologischen Forschung ein Manifest veröffentlicht, das sich für eine stärkere Auseinandersetzung mit der Wechselseitigen Beziehung stark macht. (1)
Insgesamt zeichnet sich der Sammelband durch eine sehr gute Qualität der Beiträge und der gewählten Abbildungen aus. Die Texte sind gut lesbar und die Problematik ist auch für Fachfremde nachvollziehbar und verständlich. Unter Berücksichtigung der genannten Kritikpunkte ist das Buch für archäozoologisch Interessierte und Forschende sowie allgemeiner auch für die (historischen) Animal Studies von Interesse.

(1): Nick J. Overton/Yannis Hamilakis, A manifesto for a social zooarchaeology. Swans and other beings in the Mesolithic. Archaeological Dialogues 20 (2), 2013: 111–136.