Tier-Mensch-Beziehungen in der klassischen Antike

Thorsten Fögen/Edmund Thomas (Hrsg.): Interactions between Animals and Humans in Graeco-Roman Antiquity. De Gruyter: Berlin ud Boston 2017
Hardcover 100,99 € (ISBN 978-3110544169)

rezensiert von Daniel Lau
Diese Rezension ist erschienen in Tierstudien (14/2018)

Das vorliegende Werk enthält eine Einleitung der Herausgeber, gefolgt von 16 Beiträgen und schließt mit einer Forschungs-Bibliographie zu Tierstudien in der klassischen Antike, Kurzbiographien der Autor*innen sowie einem Index ab. Diese Beitragssammlung basiert auf einer Reihe von Gastvortägen und einer zweitägigen Konferenz, die 2015 an der Durham University stattgefunden haben. Autorinnen sind gegenüber männlichen Autoren mit ein Drittel zu zwei Drittel etwas unterrepräsentiert. Erfreulich ist hingegen, dass die Beiträge nahezu ausnahmslos an aktuelle Forschungen in den Human-Animal Studies anknüpfen und nicht mehr, wie vor wenigen Jahren in der klassischen Altertumskunde noch üblich, reine deskriptive Tierstudien (Animal Studies) betreiben. Stattdessen gehen die Beiträge der Frage nach, inwiefern sich Tier-Mensch-Beziehungen, anhand der für die Erschließung der klassischen Antike zur Verfügung stehenden Quellen, nachweisen und Kontextualisieren lassen. Insbesondere Schrift- und Bildquellen sollen für die Beantwortung der Fragestellung herangezogen werden. Insgesamt überwiegt der Anteil an philologischen bzw. literarischen Untersuchungen, die teilweise unter Zuhilfenahme von Abbildungen illustriert werden. Vorteilhafter für die Betrachtung wären größere Abbildungen oder Umzeichungen gewesen, insbesondere für Lerser*innen, die die abgebildeten objekte nicht kennen. Beiträge zur griechischen Antike überwiegen deutlich gegenüber denen der römischen, dabei werden jedoch auch Randgebiete, wie beispielswese Mesopotamien und die Achämeniden betrachtet.

Explizit von den Herausgebern hervorgehoben wird, dass nicht die Mensch-Tier-Grenze im Fokus der Untersuchungen steht, sondern die Interspeziesbeziehungen an sich (S. 5). So geht es in mehreren Beiträgen beispielsweise um die vielfältigen Beziehungen des Menschen zu sogenannten Haustieren. Einige Beiträge beschäftigen sich dann aber doch mit der Mensch-Tier-Grenze, insbesondere mit der Überschreitung dieser Grenze, verkörpert durch Mensch-Tier-Mischwesen, Anthropomorphisierung und Dehumanisierung.

Auch wenn sich die Beiträge auf die klassische Antike beziehen lassen sich aus den Studien wertvolle Einsichten für die modernen Tier-Mensch-Verhältnisse gewinnen. So schreibt der Beitag von Sian Lewis eine enge Bindung zwischen Menschen und anderen Tieren auf eine vergleichbare Lebensspanne zu, woraus gefolgert werden kann, dass die bis heute zunehmend verlängerte Lebenserwartung des Menschen und der zugleich drastisch verkürzten Lebenserwartung anderer Tiere zu einer anderen Beziehung zwischen den Spezies geführt haben kann. Der Beitrag von Edmund Thomas beschreibt das Leben von Tieren im urbanen Kontext und hat damit Anklänge an die gegenwärtige Utopie einer „Zoopolis”, die jedoch auch in der Antike nicht verwirklicht werden konnte, wenngleich Tiere im urbanen Raum wesentlich präsenter waren.

Insgesamt sind die Beiträge erfreulich divers in ihren Ausrichtungen, so dass ein breites Spektrum an Überlegungen zu antiken Tier-Mensch-Verhältnissen abgedeckt wird und zu eigenen Weiterforschungen in affinen Disziplinen anregt. Einige Wörter finden sich in den Beiträgen jedoch nur in algrichsicher Schrift, so dass hier von der Leserschaft Spezialwissen gefordert wird, oder die Bereitschaft zu einem Wörterbuch zu greifen. Längere Passagen aus zitierten antiken Quellen liegen jedoch stets in Übersetzung vor. Sehr hilfreich ist die vierzigseitige Forschungsbibliographie (Stand: 15. Mai 2016), die in mehrere Rubriken unterglieder ist: allgemeine Literatur zu Tierstudien in der klassischen Antike, Literatur zu bestimmten Tierarten, zu Tieren als Nahrung, Vegetarismus, Jagd, Spektakeln (Spielen), Opferungen, Tiermedizin und „Monstren”.

Alles in allem ist der Sammelband sehr empfehlenswert, nicht nur für an der klassischen Antike Interessierte, sondern auch für Wissenschaftler*innen und Studierende mit Forschungsschwerpunkt in den Human-Animal-Studies.