Franz Prisching – G‘roder Michl, Pazifist und Selberaner

Reinhard Müller: Franz Prisching – G‘roder Michl, Pazifist und Selberaner. Verlag Graswurzelrevolution/Verlag Gemeinde Hart bei Graz; 296 Seiten; ISBN: 3-9806353-8-4

rezensiert von Tom Zimmermann
Diese Rezension ist erschienen im Magazin TIERBEFREIUNG: Heft 95. Juni 2017. S. 83.

Biographische Arbeiten bilden im Rahmen der Beschäftigung mit der Geschichte der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung beziehungsweise deren Vorläufer-Bewegungen noch die Ausnahme [1]. Einen Versuch auf diesem Gebiet wagt das von Reinhard Müller im Jahr 2006 verfasste Buch „Franz Prisching – G‘roder Michl, Pazifist und Selberaner“. Diese Publikation wurde gemeinsam vom Verlag Graswurzelrevolution und dem Verlag Gemeinde Hart bei Graz herausgegeben.

Die Lebensgeschichte des österreichischen Anarchisten, Vegetarier, Tierschützer, Lebensreformer und „Selberaner“ Prisching liest sich flüssig und wird durch verschiedenste Zitate unterstützt. Die Perspektive der Polizei, die Prisching aufgrund seiner Tätigkeiten überwachte, sowie seine eigene zeigen eine Lebensgeschichte, die geprägt war von der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensführung und den gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsmechanismen. Diese schlossen Menschen und nichtmenschliche Tiere, zumindest in einigen Phasen seines Lebens, mit ein.

Interessant für die heutige Tierbefreiungsbewegung ist dabei die Idee, ein Tierasyl aufzubauen: Prisching wollte nichtmenschlichen Tieren einen Raum schaffen, in dem sie bis zu ihrem „natürlichen Tod“ leben konnten. Im Gegensatz zu heutigen Lebenshöfen stellte dieses Konzept die Nutzung von Tieren für menschliche Zwecke jedoch nicht komplett in Frage. Das Projekt konnte Prisching jedoch aus finanziellen Gründen nie realisieren. Im zweiten größeren Abschnitt wird die von Prisching herausgegebene Zeitung, der G’rode Michl, aus unterschiedlichsten Blickwinkeln vorgestellt. So werden die Leser*innenschaft, die räumliche Verteilung dieser, als auch die Mitarbeitenden und die Finanzierung thematisiert. In diesem Teil zeigt Müller das Schaffen Prischings als Autor. Anschließend wird Prisching im dritten Kapitel als Verleger vorgestellt. Jedoch klingen auch hier seine Tätigkeiten als Autor an, da dem Schaffen Prisching’s ein eigenes Unterkapitel gewidmet wird. Der den drei Hauptkapiteln zugefügte Anhang zeigt wiederum einige Beispiele aus der Arbeit Prisching’s und befreundeter Aktiver auf. Die daran anschließenden Anmerkungen ordnen Prisching in den historischen Kontext ein, dienen dem besseren Verständnis der Biographie und liefern weitere Informationen zu Prisching und seinem Netzwerk. Der letzte Teil des Buches besteht aus einer Sammlung von Zitaten Prisching’s, welche die vorher skizzierte Lebensgeschichte authentischer machen. Diese sind thematisch geordnet, jedoch wird der Kontext der Zitate nicht immer klar. Vorteil dieses Abschnittes ist jedoch die Deutlichkeit der Vielschichtigkeit von Prischings Denken.

Auch wenn dieses Buch für heutige Tierrechts-/Tierbefreiungsaktive nicht allzu viele theoretische und praktische Ansätze zum eigentlichen Thema der Bewegung bietet, ist es dennoch empfehlenswert. Die Beschreibung der Repression und der Umgang damit können an einigen Punkten als Beispiel für eventuelle eigene Ansätze herangezogen werden, wobei andere Verhaltensweisen Prischings in Bezug auf Repressionsorgane durchaus merkwürdig anmuten, wie beispielsweise seine Aussagen gegenüber der Polizei. Auch der Versuch, der Biographiearbeit in Bezug auf linke oder anarchistische Perspektiven innerhalb des Tierschutzes oder der Antivivisektionsbewegung Raum zu geben, ist durch dieses Buch gelungen. Es bleibt zu hoffen, dass die Tierbefreiungsbewegung ihre historischen Vorläufer*innen wie Prisching interpretieren kann, genauer untersucht, um damit sowohl aus Fehlern lernen zu können als auch positive Aspekte wiederzuentdecken, zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

[1] Beispiele für biographische Ansätze bieten die Bücher: Das Schlachten beenden! von Johann Bauer, Renate Brucker und Lou Marin (Hrsg.) sowie Antispeziesismus von Matthias Rude.