Für eine nicht-anthropozentrische Ethik

Jessica Ullrich (Hg.): TIERSTUDIEN 13/2018: Ökologie.
Softcover, 192 Seiten, mit 21 farbigen Abbildungen
978-3-95808-153-6
12,00 € 

rezensiert von Tom Zimmermann
Der Text erschien ursprünglich im Magazin TIERBEFREIUNG: Heft 99. Juni 2018. S. 37–39.

Die aktuelle Ausgabe des Fachmagazins TIERSTUDIEN widmet schwerpunktmäßig dem Thema Ökologie. In mehreren textlichen und künstlerischen Beiträgen widmet sich das Magazin den Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Herangehensweisen der Human-Animal-Studies und verschiedenster ökologischer Forschungsfelder.

Die Zugänge zu ökologischen Fragen – auch in Bezug auf nichtmenschliche Tiere – sind vielfältig und bedienen sich nicht einer einheitlichen Forschungsrichtung. Vielmehr sind es die verschiedensten Zugänge, Fragestellungen und Analysen die dieses Feld, sowohl in der Forschung als auch im Aktivismus, fruchtbar machen. Diese Feststellung kann auch auf die aktuelle Ausgabe der Tierstudien übertragen werden. In insgesamt 11 Textbeiträgen und drei künstlerischen Arbeiten zeigt die aktuelle TIERSTUDIEN diese unterschiedlichen Schwerpunkte. Bereits im Editorial der Ausgabe werden einige Schwierigkeiten aber auch Gemeinsamkeiten von ökologischen Forschungsrichtungen und Human-Animal-Studies thematisiert. So stellt die Herausgeberin Jessica Ullrich fest: „Gemeinsam ist den Forschungsrichtungen ihre Anthropozentrismuskritik und die grundsätzliche Sorge um das nicht-menschliche Andere“ (S. 7) Das dieses „nicht-menschliche Andere“ von den Forscher*innen und Aktivist*innen der verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen und Sozialen Bewegungen unterschiedlich Definiert wird und dadurch unterschiedliche Forschungsfragen und Aktionen entstehen – aus denen sich durchaus auch Konfliktfelder entwickel(t)en wird ebenfalls bereits im Editorial thematisiert.

Die Ausgabe „Ökologie“ der TIERESTUDIEN ist in fünf Textabschnitte und einen künstlerischen Teil aufgeteilt. Der erste Teil widmet sich literarischen Analysen und trägt den Titel „Literarische Ökologien“. Die beiden Beiträge dieses Abschnittes widmen sich zum einen „Lyrikanthologien in Zeiten der ökologischen Krise und des Anthropozäns“ (Alexander Kling) und zum anderen dem Roman „When the Killings’s Done“ von T.C. Boyle (Alexandra Böhm). Kling geht in seinem Beitrag auf zwei Lyriksammlungen ein. Die Frage warum es lohnend ist sich mit Dichtung zu Beschäftigen bzw. was eine Aufgabe von Dichtung in Zeiten ökologischer Krisen sein könnten beantwortet Klinger wie folgt: „Gedichte sollen auf die Bedürfnisse ihrer Gegenwart dadurch reagieren, dass sie politisch intervenieren, Affekte generieren, historische Transformationen dokumentieren. Weiterhin sollen Gedichte einen Gegendiskurs gegen die Naturbeherrschung der Wissenschaft und der Ökonomie bieten: die Komplexität des Gedichts kann dabei Spiegel ökologischer Komplexität sein“. (S. 28) Einen anderen Schwerpunkt setzt Alexandra Böhm in ihrer Auseinandersetzung mit Boyle’s Roman When the Killing’s Done. Der Roman zieht die Konfliktlinie von Tier- und Umweltschutzaktivismus nach. Die beiden Hauptfiguren des Romans – eine Biologin und ein Tierrechtsaktivist – spiegeln dabei die grundsätzlichen Positionen beider Bewegungen wieder. Sie nähert sich dem „Ökothriller“ Boyles über Fragestellungen nach vorgestellten Naturverhältnissen und in einem weiteren abschnitt fragt sie nach der „Agency der nicht-menschlichen Natur“. Sie bezieht dabei immer wieder die Positionen der Hauptfiguren des Romans ein. Böhms Text zeigt dabei gut die im Roman beschriebenen Konfliktfelder und arbeitet die Position einer weiteren Figur als empathische Position heraus. Der zweite Abschnitt des Magazins widmet sich den „Ökologien der Begegnung mit Wildtieren, Kumpantieren und Schwärmen“. In insgesamt drei Texten werden tierliche Perspektiven eingenommen, bzw. wie im Text von Markus Wild die menschliche Perspektive durch die Koautor*inschaft „seines“ Hundes Titus Hunderich erweitert. Wild und Hunderich versuchen in ihrem Beitrag „[e]ine Neubestimmung der ästhetischen Landschaft als Tierlandschaft“ die Handlungs- und Gestaltungsmacht nichtmenschlicher Tiere sichtbar zu machen. Auch die Wahrnehmung der Landschaften verändere sich beim Versuch die tierliche Perspektive einzubeziehen. Die „Gretchenfrage im Umwelt- und Tierschutzrecht“ stellt Charlotte Blattner aus einer rechtswissenschaftlichen Perspektive. Mit einer Situationsbeschreibung der Lebensrealitäten von Wildtieren und der Frage nach deren rechtlicher Positionierung an Hand der Schweizer Rechtslage plädiert Blattner für eine Neubewertung rechtlicher Positionen. Die Vorrangigkeit des Jagdgesetzes, sowie des Natur- und Heimatschutzgesetzes gegenüber dem Tierschutzgesetz bringt sie zur Überlegung einer Neuverortung und -interpretation der Rechtsgrundlagen. Abschließend plädiert sie für eine Neuinterpretation des Tierschutzgesetzes mit anthropozentrismuskritischer Ausrichtung. Der dritte Beitrag dieses Abschnitts von Marie-Helene Wichmann widmet sich „multispecies-Begegnungen im Bienenstock“. Unter anderem wirft Wichmann die Frage auf warum die (Arbeits-)Erfolge der Bienen – die Honigproduktion – von Imker*innen nicht als Erfolg der Bienen gewertet wird. Die Produktion von Honig wird als Arbeitsleistung menschlicher Subjekte beschrieben und blendet damit die Arbeitsleistung der Bienen aus. Das eine Produktion von Honig von menschlichen Interessen geleitet wird thematisiert Wichmann zwar, jedoch nähert sie sich auch einem Konzept weniger speziesistischer und mehr ökologisch orientierten Imkereipraxis an – auch hier zeigt sich beispielhaft eine Konfliktlinie zwischen Ökologiebewegung und Tierrechtsbestrebungen. Musikalisch geht es im dritten Teil des Magazins zu. Roland Borgards und Maximilian Haas widmen sich in ihren Beiträgen unterschiedlichen „Musikalische[n] Ökologien“. Bogards beschäftigt sich mit den verschiedensten Tierdarstellungen im Werk des Sängers Käptn Peng. In einer Lesart anschließend an Donna Harraway interpretiert er das Werk des Sängers als „Tentakuläres Rappen“. Haas hingegen geht in seinem Text den Spuren der „Musiktheorie des Lebens“ von Jakob von Uexküll nach. Er zeigt auf, dass Analogien zwischen Biologie und Musik in Uexkülls Werk als Kritikpunkt genutzt werden. Uexküll kritisiert damit die Fokussierung auf physikalistische und mechanistische Modelle und Fragestellungen und in den Naturwissenschaften. Den Raum der „Philosophische[n] Ökologien“ betreten Ellen Spickernagel und Michael Rosenberger. Spickernagel folgt „Rousseaus diletantische[n] Ideen zu Mensch und Tier“. An Hand Roussaeus Überlegungen zur Einbeziehung von Mensch, Tier, Pflanze und Mineralien wird dargestellt wie er eine Konzept entwickelt was die beschriebenen Formen und Materialitäten gleichberechtigt bestehen könn(t)en. Der Frage nach einer nicht individualistischen Denkform in Bezug auf Gerechtigkeitsdebatten geht Rosenberger nach. In seinem Beitrag wagt er sich auf das Gelände der „(Tier-)Gerechtigkeit im Spannungsfeld individualistischer und systemischer Begründungen“. Im Beitrag werden unter anderem tierethische und umweltethische Ansätze vorgestellt und versucht zu kombinieren. Dabei könnte das Konzept einer Meta-Ethik als Versuch gedeutet werden beide Strömungen miteinander in Einklang zu bringen. In die „Marine[n] Ökologien“ stoßen Matthias Preuss und Inka Lusis vor. Aus Medien- bzw. Kunstgeschichtlicher Perspektive nähern sich die Autor*innen den Meeren und ihren Bewohner*innen an. Die Auster steht dabei im Mittelpunkt des Beitrages von Preuss. Er stellt die verschiedenen im historischen Wandel aufkommenden Wissensbestände über Austern dar und zeigt dabei die unterschiedlichsten Funktionen die diese Tiere in der Forschung einnahmen und nehmen. forschungsobjekt und Forschungsinstrument – beide Funktionen wurden Mollusken zugeschrieben. Lusis stellt die Installation „An Ecosystem of Excess“ vor, die auch im künstlerischen Teil des Magazins zu finden ist. Sie wirft dabei ein Licht auf eine (mögliche?) Zukunft in der Plastik keine zerstörende Wirkung mehr auf Ökosystem und nichtmenschliche Tiere hervorruft. An Hand der künstlerischen Positionen Pinar Yoldas werden beispielsweise Fragen nach einer symbiotischen Wirkung von nichtmenschlichen Tieren und Plastik aufgeworfen. Im abschließenden künstlerischen Teil wird als erstes das bereits erwähnte Projekt „An Ecosystem of Excess“ von Pinar Yoldas vorgestellt. Er versucht an Hand von Installationen eine Zukunft zu entwerfen in der sich evolutionäre symbiotische Lebewesen herausbilden. So beispielsweise eine Schildkröte die nicht mehr durch das Plastik in ihrem Körper getötet wird, sondern vielmehr Ballons in ihren Körper eingebaut hat die sie zum Aufenthalt an der Wasseroberfläche nutzen kann. (S. 161) Der zweite Beitrag „TaxiDerma“ von Roland Strattmann spielt mit Collagen aus Postkarten, die er mit Darstellungen von nichtmenschlichen Tieren und Slogans ergänzt. Er zeigt die Verbindung von Fernweh und die Sehnsucht nach Begegnung mit nichtmenschlichen Tieren. Gleichzeitig zeigt er die damit verbundene koloniale und nationalistische Herangehensweise die mit Reisen in ‚andere Welten‘ verbunden sind. Der letzte Beitrag des Magazins stellt eine Dokumentation einer Performance dar. Hayden Fowler lies sich während eines Festivals ein Bild ausgestorbener Huia (eine Vogelart die in Australien heimisch war) tätowieren. Mit dieser Aktion leistet Fowler Erinnerungsarbeit und machte auf die unwiederbringliche Zerstörung von Lebensraum und das Aussterben nichtmenschlicher Tiere aufmerksam.

Die aktuelle Ausgabe der TIERSTUDIEN zeichnet sich durch ein hohes Maß an Qualität der einzelnen Texte aus. Die verschiedensten Blickwinkel, Zugänge und gewählten Themenkomplexe regen auch zu nichtakademischen Diskussionen an. Für die Tierbefreiungsbewegung dürften dabei vor allem die Beiträge interessant sein die sich mit den Konfliktlinien zwischen Tierbefreiungsbewegung und den Ökologiebewegungen beschäftigen, wie beispielsweise die von Alexandra Böhm, Marie-Helene Wichmann oder Michael Rosenberger. Auch die künstlerischen Beiträge könnten den tierrechtsbewegten Aktivist*innen neue Ideen und Blickwinkel vermitteln, beispielsweise wenn es um die Frage nach Erinnerungskultur an nichtmenschliche Tiere geht.