Cattalk No. 1 mit Dafni Tokas

Cattalk ist die neue und exklusiv auf der Verlagswebsite erscheinende Reihe, in der animot Interviews mit Autor*innen führt. Cattalk No. 1 ist unser Gespräch mit Dafni Tokas über das kürzlich erschienene Buch „Domestizierung als Naturbeherrschung“ (Band 3 der Reihe befreit – Schriften zur Tierbefreiung).

Dafni Tokas

animot (a): Stell dich doch bitte einmal kurz in drei Sätzen vor.
Dafni Tokas (DT): Meine Mitmenschen kennen mich vor allem als tierverrückte und sprachaffine Person. Das führt natürlich zu häufigem Austausch mit anderen Menschen, den ich sehr schätze. Ich verbringe aber auch sehr gern möglichst viel Zeit allein oder mit meinem Partner, am besten natürlich in den Bergen oder im Wald.

a: Wie bist du auf die Idee deines Buches gekommen?
DT: Zum Abschluss meines Philosophiestudiums habe ich mich mit derselben Frage beschäftigt, die ich auch im Buch verhandele. Viele halten den mensch-tierlichen Domestizierungsprozess für vollkommen natürlich, normal und notwendig und befürworten diesen unreflektiert. So einfach ist es leider nicht. Darüber wollte ich gern schreiben. Ich mache zwischen den Anfängen der mensch-tierlichen Domestizierungsgeschichte und der heutigen Nutztierhaltung keinen moralischen Unterschied. Wie das mit dem Naturbeherrschungsbegriff zusammenhängt, erkläre ich im Buch.

a: Was ist dein Ziel mit deinem Werk? Wen möchtest du erreichen und was vermitteln?
DT: Mein Ziel ist es, die philosophische Bastion zu bestärken, die sich gegen Tierausbeutung ausspricht. Ich richte mich damit nicht an ein Fachpublikum, sondern an ein geisteswissenschaftlich interessiertes Publikum – dieses kann sowohl aus Tierbefreier*innnen als auch aus Fleischesser*innen bestehen. Das Fachpublikum aus den Animal Studies kennt die Debatte üblicherweise schon. Daher ist es vor allem mein Ziel, sie auch für Nichtakademiker*innen zu öffnen, aber ohne die Gegenstände und Argumente zu vereinfachen. Allerdings ist mein Buch auch ein Forschungsauftrag, denn es ist noch nicht alles zum Thema Domestizierung gesagt.

a: Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich dazu gebracht hat, dein Buch zu schreiben?
DT: Ein Schlüsselerlebnis gab es nicht, aber ich war schon immer fasziniert von unserem Umgang mit anderen Tieren – vor allem von dem, den ich moralisch nicht nachvollziehen kann. Mir sind aufgrund meines familiären und aktivistischen Hintergrunds weder das bukolische, romantische Nutztierhaltungsmodell, noch das industrialisierte Geschäft mit dem tierlichen Leben fremd. Dass diese Orte überhaupt noch existieren, trotz der Gräuel, die sich an ihnen ereignen, finde ich unglaublich. In dem Buch verarbeite ich diese Verwunderung auch auf philosophische Weise.

a: Was erhoffst du dir von deinem Buch?
DT: Meine Hoffnung ist es, vielen ihre romantische Vorstellung davon zu nehmen, es habe einmal eine friedliche, symbiotische Einheit von Mensch und Tier in der Nutztierhaltung gegeben, und man müsse nur dahin zurück, nur beim „Metzger des Vertrauens“ kaufen – und dann sei wieder alles in Ordnung. Wir müssen kritischer über unsere anthropologischen Selbst- und Fremdbestimmungen nachdenken. Dazu gehört eben auch, anders über nichtmenschliche Tiere zu sprechen und sie nicht mehr als Produkte zu behandeln, die es zu beherrschen gilt. Das geht aber nicht, wenn wir sie weiterhin nutzen.

a: Warum findest du, sollte sich jede*r für die Rechte der Tiere einsetzen?
DT: Jede*r von uns, der/die kann, sollte sich für Tierrechte einsetzen, weil es sich für die Tiere, für uns und den Planeten lohnt, im wahrsten Sinne des Wortes über den Tellerrand hinauszublicken. Vegan lebenden Menschen wird oft vorgeworfen, sie würden zu oft von Tierrechtsthemen sprechen. Da stelle ich gern die Frage: „Wenn Du das Opfer wärst, müsste ich dann auch still sein?“ Wenn jemand unter einem ausbeuterischen System leidet, geht das jeden etwas an – vor allem jene, die es stützen.

a: Was bedeutet für dich „Tierbefreiung“?
DT: Tierbefreiung ist nicht nur ein emanzipatorisches, abolitionistisches Ziel einer kleinen politisch interessierten Gruppe, sondern auch eine aktivistische Lebensweise. Dazu gehört erstens der weitestgehend tierleidfreie Konsum. Wichtig sind zweitens eine offene Mentalität, ein sanftes Herz und ein starker Charakter – in allen Belangen. Deshalb haben sexistische und rassistische Äußerungen keinen Platz in der Tierbefreiungsbewegung.

a: Warum war es dir wichtig, das Buch beim animot-Verlag zu veröffentlichen? Was gefällt dir an dem Verlag?
DT: Der Verlag ist nicht an Profit interessiert. Er lässt stattdessen die Einnahmen in Tierbefreiungsprojekte fließen. Zudem wird dort nicht einfach irgendetwas „über Tiere“ publiziert, sondern Schriften, die es politisch in sich haben. Und natürlich verweist auch der Name des Verlags auf den Anspruch, nicht alle Tiere über einen Kamm zu scheren.

a: Welchen Projekten möchtest du dich noch widmen?
DT: Auf jeden Fall möchte ich mich weiter aus philosophischer, ästhetischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive mit nichtmenschlichen Tieren auseinandersetzen. Zuletzt war ich mit der Albert-Schweitzer-Stiftung Teil des Podcasts „Wolfshöhle“. An solchen Projekten würde ich zukünftig gern häufiger teilhaben. Was den Aktivismus im Allgemeinen angeht, so hoffe ich, für mich eine Form zu finden, die sich sinnvoll anfühlt. Ich habe schon alles Mögliche ausprobiert, von provokanten, radikalen Aktivitäten bis hin zu politisch gediegenen. Da will ich mich nicht begrenzen, denn jeder Aktivismus hat seine Daseinsberechtigung.

a: Wenn du einen Wunsch für die Zukunft der menschlichen und nichtmenschlichen Tiere äußern könntest, welcher Wunsch wäre das?
DT: Meine ideale Welt wäre eine, in der wir anderen Lebewesen genug intakte Lebensräume ganz im Sinne ihrer Freiheitsbedürfnisse ließen. Und dabei vor allem: weniger Entzauberung! Es ist doch total langweilig zu glauben, man müsste alles über nichtmenschliche Tiere wissen. Genauso reizlos ist eine Welt, in der wir alles und jeden beherrschen können. Ich fände es großartig, wenn wir nicht die obersten Prädatoren wären, sondern uns auch mal wundern oder fürchten müssten vor den Ungewissheiten, vor welche die Natur und andere Spezies uns stellen. Wenn mich etwas langweilt, dann ist es diese biedere, bürgerliche Form der Sicherheit, die wir Menschen uns „erkämpft“ haben. Viele Mensch-Tier-Verhältnisse, die sich bisher herausgebildet haben, erscheinen mir nämlich vielmehr als ein sehr sicheres, bequemes Gefängnis. Wenn ich eine Giraffe sehen will, gehe ich in den Zoo. Wenn ich ein Schwein essen will, gehe ich in den Supermarkt. Wenn ich im Restaurant bin, kann ich mir die irdische Fauna vom Känguru bis zum Kalmar bestellen. Wenn mein Kind ein „Haustier“ haben möchte, kaufe ich eben eins. Wie öde kann man sein Verhältnis zu Tieren eigentlich gestalten?

a: Wie stehst du zum Thema „Katzen“? Lebst du mit Katzen zusammen? Wenn ja, erzähle von ihnen. Was gefällt dir an Katzen am besten?
DT: Oh je, da hast Du mich erwischt – zu Katzen habe ich ehrlich gesagt noch nie ein besonderes Verhältnis gepflegt. Ich bin mehr der Ziegentyp. Auf mein philosophisches Schlüsselerlebnis, nackt vor einer Ziege zu stehen, warte ich aber noch. Dann kommt hoffentlich mein nächstes Buch, das hat bei Derrida ja schließlich auch funktioniert.