Fred Spenner über Dafni Tokas: “Domestizierung als Naturbeherrschung”

“Domestizierung bedeutet eine generationenübergreifende Veränderung von Körpern, die die gelebte Realität von menschlichen und nichtmenschlichen Tieren betrifft. Das Wissen um diese Realität ist kritisches Wissen. Doch nur wenige Menschen verfügen über dieses Wissen: Sie sehen in „Nutztieren“ weder individuelle Persönlichkeiten noch soziale oder politisch relevante Lebewesen mit einer eigenen Geschichte.
Aufbauend auf einer Rekonstruktion der Naturbeherrschungskritik der „Frankfurter Schule“ und anhand einer exemplarischen Darstellung einer daraus folgenden tiernutzungskritischen Position argumentiert die Autorin, dass die Kritik an Tierausbeutung genealogisch reformuliert werden sollte: Eine möglichst vollständige, kritische Analyse der zeitgenössischen Mensch-Tier-Relationen gelingt nur durch die domestizierungskritische Analyse der Vorbedingungen industrieller Nutztierhaltung. Tierbefreiung ist dann kein allein auf die Gegenwart gerichtetes Projekt, sondern ein sozialkritisches, emanzipatorisches Vorhaben von übergreifender gesellschaftlicher Relevanz, das sich aus seinen historischen Bedingungen erklärt.”

Gesamteindruck: Dafnis Analysen basieren auf einem philosophischen, ethisch-moralischen Ansatz, die sogenannte “Nutztierhaltung” mit einer tierlichen Domestizierung gleichzusetzen und als menschgemachtes Beherrschungs-, Ausbeutungssystem zu kritisieren. Ihre mitunter radikale Kritik fußt auch auf das Naturbeherrschungsverhältnis, in dem Mensch und mitmenschliche Lebewesen fremdbestimmt und unfrei sind. Folgt mensch diesem Gedanken, geht es im Prinzip auch um die Selbstbestimmung von Mensch und Tier, die erst in einer freien Gesellschaft möglich ist. Um diesen Zustand zu erreichen, müssen wir von patriarchaler Herrschaft befreien und den Kapitalismus überwinden. Der Machtstaus mündet in Erklärungsversuche, die zum einen in einem tradierten, konditionierten Glaubenssystem (Karnismus) verortet sind (Fleischessen sei normal, natürlich, notwendig), zum anderen auf dem Darwin’schen Survival-of-the-fittest-Prinzip, das Tötung und die Leidenszufügung im Mensch-Tier-Natur-Verhältnis zu legitimieren versucht.
Dafni findet in ihrer radikalen Kritik keine endgültigen Antworten/Lösungen, aber entmythisiert die romantische Vorstellung der Nutztierhaltung (Tierwohllabel, ökologisch orientierten Tierhaltung) und führt einen idelogiekritischen Diskurs gegenüber der Critical Animal Studies, mit dem Ziel, Denkgewohnheiten zu hinterfragen. Tierausbeutung sollte “in Form genealogischer Kritik reformuliert” werden. Dafni bezieht sich hierbei auf die Darstellung tiernutzungskritischen Position von Max Horkheimer. In verschiedenen Schriften von Horkheimer (und Adorno) finden sich Auseinandersetzungen mit dem Mensch-Tier-Verhältnis und seinen Implikationen für ihre Herrschaftstheorie. Die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis stellt in der kritischen Theorie ein entscheidendes Differenzkriterium zwischen dem Menschen und nichtmenschlichen Lebewesen dar. Grundlage der Selbstreflexion ist dabei die Vernunft. Wie wir wissen, führt die Vernunftbegabung des Menschen nicht zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur, sondern dient sie der Legitimation der Unterwerfung der Natur. Statt das eigene Verhältnis zur Natur und den Tieren kritisch zu reflektieren, funktioniert der Mensch “freiwillig so mechanisch, blind und automatisch“.
Im Kontext von Tierrechts-Argumentationen und antispeziesistischen Texten, stößt mensch immer wieder auf Verweise auf die kritische Theorie. Dafnis Arbeit ist schlussendlich die Utopie, eine bessere Gesellschaft zu denken, in der es keine Ausbeutung, Herrschaft und Gewalt mehr gibt. Insofern münden die Analysen in einen Appell an die Vernunft, Werte wie Gleichheit und Freiheit vorzuleben.

Diese Rezension von Fred Spenner erschien ursprünglich im Underdog Fanzine.

Domestizierung als Naturbeherrschung von Dafni Tokas ist als Band 3 der Reihe befreit – Schriften zur Tierbefreiung bei uns im animot-Verlag erschienen.