Cattalk No. 2 mit Hartmut Kiewert

Cattalk No. 2 mit Hartmut Kiewert

 

Cattalk ist die neue und exklusiv auf der Verlagswebsite erscheinende Reihe, in der animot Interviews mit Autor*innen führt. Cattalk No. 2 ist unser Gespräch mit Hartmut Kiewert über seine Malerei, die sich dem Mensch-Tier-Verhältnis widmet und schon seit Beginn an den Verlag begleitet.

 

animot (a): Stell dich doch bitte einmal kurz in drei Sätzen vor.

Hartmut Kiewert (HK): Mein Name ist Hartmut Kiewert, ich bin freischaffender Künstler und beschäftige mich in meiner Malerei seit über zwölf Jahren mit dem gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnis.  Daneben engagiere ich mich auch aktivistisch in verschiedenen sozialen Bewegungen, vor allem natürlich in der Tierbefreiungsbewegung. Seit knapp sieben Jahren lebe ich in Leipzig.

 

a: Wie bist du dazu gekommen deinen Aktivismus in Gemälden zum Ausdruck zu bringen? Was bedeutet diese Form des Aktivismus für dich?

HK: Während meiner Studienzeit an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle habe ich mich zunehmend in verschiedenen sozialen Bewegungen, wie etwa der Anti-Atom-, Antimilitarismus- und Umweltbewegung, engagiert. Ich stellte mir dann die Frage, wie ich mein gesellschaftspolitisches Engagement in meine Malerei einfließen lassen könnte und kam schließlich auf das Mensch-Tier-Verhältnis. Denn zum einen ist die Beziehung von Menschen zu anderen Tieren schon seit den ersten Höhlenmalereien fester Bestandteil der bildenden Kunst und lässt sich also auch mit dem Mitteln der Malerei neu verhandeln. Zum anderen war die krasse Gewalt vor allem gegenüber sogenannten „Nutztieren“ eine der ersten großen Desillusion über den Zustand der Welt, als ich als Kind herausfand, wo Fleisch herkommt. Es ist also auch ein Thema, das mich schon sehr lange beschäftigt.

Ich würde meine Malerei ihrer Form nach im Gegensatz zu Protesten und direkten Aktionen allerdings nicht unbedingt als Aktivismus bezeichnen. Vielmehr sehe ich sie als einen Diskursbeitrag im Bereich der bildenden Kunst, mit dem ich natürlich ebenfalls versuche einen radikalen Wandel des Mensch-Tier-Verhältnisses hin zu einem herrschafts- und ausbeutungsfreien voranzutreiben.

 

a: Was ist dein Ziel mit deinem Schaffen? Was erhoffst du dir von deinen Bildern? Wen möchtest du erreichen und was vermitteln? 

HK: Auf meinen Gemälden erobern aus Mastanlagen und Schlachthöfen entkommene Kühe, Schweine, Hühner und andere Tiere von Menschen dominierte Räume. Fleischfabriken sind zu Ruinen zerfallen und Menschen und andere Tiere begegnen sich auf Augenhöhe. Diese utopischen Szenarien laden dazu ein, andere Tiere nicht mehr als Ressourcen oder Waren zu betrachten, sondern als Individuen mit eigenen Zielen und eigener Handlungsmacht. Ich hoffe über meine Bilder auch Menschen zu erreichen, die sich noch nicht kritisch mit ihrem Verhältnis zu anderen Tieren befasst haben und darüber vielleicht auch ihr eigenes (Ess-)Verhalten in Frage stellen.

 

a: Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich dazu gebracht hat, zu malen?

HK: Nicht unbedingt ein spezielles Schlüsselerlebnis. Ich hatte schon als Kind viel und gerne gezeichnet und den Wunsch Maler zu werden. Bei uns zuhause hingen einige Ölbilder, die mich fasziniert haben.

 

a: Warum findest du, sollte sich jede*r für die Rechte der Tiere einsetzen?

HK: Ich würde eher von Befreiung oder Überwindung von Ausbeutungsverhältnissen sprechen, da es aus emanzipatorischer Perspektive auch Kritik an der Konzeption von Rechten gibt. So braucht das Recht um wirkmächtig zu sein immer eine Instanz zu seiner Durchsetzung. Diese Instanz bedeutet in jedem Fall eine Verstetigung von Machtverhältnissen – also Herrschaft – und legt es denen, die darüber verfügen, nahe, auch andere Interessen als etwa die eigentlich positiv gedachten Menschen- oder Tierrechte gegen andere durchzusetzen. Als immanentes Instrument innerhalb der bestehenden Verhältnisse ist das Einfordern von Tierrechten aber trotzdem eine sinnvolle Taktik zur Verbesserung des Status nichtmenschlicher Tiere.

Eine wirkliche Befreiung funktioniert meines Erachtens aber nur, wenn auch die – meist blind vorausgesetzten – Formen von Staat und Markt, die ja mit dem modernen Rechteverständnis unmittelbar zusammenhängen, aufgehoben werden. Das sehen wir zum Beispiel daran, wie Menschen vor den Grenzen der EU unter miserabelsten Bedingungen im Stich gelassen oder sogar ertrinken gelassen werden, obwohl es universelle Menschenrechte gibt, die dies doch eigentlich verhindern müssten.

Es wäre großartig, wenn alle Menschen radikal emanzipatorische Ansprüche hätten und diese versuchen würden in ihren Handlungen und Beziehungen zu anderen (Menschen und Tieren) zu realisieren. Da Unterdrückungsverhältnisse zwischen Menschen eng verwoben sind mit der Unterdrückung und Beherrschung anderer Tiere und der Natur, ist es unumgänglich nichtmenschliche Tiere in den Emanzipationsbewegungen mit einzubeziehen. Genauso wie umgekehrt die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung sich mit anderen emanzipatorischen Kämpfen solidarisieren und verbinden muss, um Veränderung in der Breite zu erreichen.

Schlussendlich sollte sich jede*r für die Befreiung der Tiere einsetzen, da Tierausbeutung ganz einfach grausam und unnötig ist. Egal, ob aus herrschaftskritischer, ethischer, ökologischer oder ästhetischer Perspektive betrachtet, ist der Umgang mit anderen Tieren in unserer Gesellschaft in so vielen Fällen ein unerträglicher Skandal.

 

a: Was bedeutet für dich “Tierbefreiung”?

HK: Tierbefreiung bedeutet alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen fühlende Lebewesen gejagt, eingesperrt, ausgebeutet, ermordet und ihrer Lebensgrundlagen beraubt werden. Sie ist also ein tiefgreifender, radikaler kultureller und sozialer Wandel hin zu einer Welt in der Natur und Lebewesen nicht mehr nach dem Kalkül der Wertverwertung objektifiziert und vernutzt werden, sondern in der Gesellschaftlichkeit bewusst hergestellt wird auf Basis von Kooperation und Empathie.

 

a: Warum war es dir wichtig, den animot-Verlag zu unterstützen? Was gefällt dir an dem Verlag?

HK: Es ist toll, dass es mit dem animot-Verlag nun eine weitere Publikationsplattform gibt, die sich ganz dem Thema Tierrechte und Tierbefreiung widmet und dabei Akademisches und Aktivistisches verbindet. Außerdem finde ich es toll, dass der Verlag nichtkommerziell ist und seine Einnahmen an Projekte der Tierbewegung spendet.

 

a: Welchen Projekten möchtest du dich noch widmen?

HK: Dieses Jahr stehen einige Ausstellungen an, so auch ein paar Einzelausstellungen, zum Beispiel vom 26. Februar bis 21. März im Essenheimer Kunstverein (bei Mainz) und im Herbst in der Cubus Kunsthalle Duisburg und in der Kleinen Galerie Döbeln. Die Ausstellung in Döbeln findet in Kooperation mit dem Tierbefreiungsarchiv statt und es wird in diesem Rahmen auch eine kleine Veranstaltungsreihe geben. Natürlich alles entsprechend der aktuellen Pandemie-Situation angepasst.

Außerdem engagiere ich mich natürlich weiterhin aktivistisch, vor allem in der Tierbefreiungs- und Klimabewegung. Hier stehen größere Aktionen des Bündnisses Gemeinsam gegen die Tierindustrie und Aktionen zur Verkehrswende an.

 

a: Wenn du einen Wunsch für die Zukunft der menschlichen und nichtmenschlichen Tiere äußern könntest, welcher Wunsch wäre das?

HK: Ich wünsche mir, dass wir es schaffen die schlimmsten Folgen der Klimakrise abzuwenden, was meines Erachtens nur durch einen radikalen Bruch mit den kapitalistischen Formen von Ware, Arbeit, Geld und Staat funktionieren kann, da diese notwendig auf Naturzerstörung sowie Ausgrenzung und Gewalt basieren. Also kurzum wünsche ich mir eine Welt, in der schlussendlich alle menschlichen und nichtmenschlichen Tiere frei von Herrschaft und Ausbeutung leben.

 

 a: Wie stehst du zum Thema “Katzen”? Hast du welche? Wenn ja, erzähle von ihnen. Was gefällt dir an Katzen am besten?

 HK: Katzen sind toll. In unserer Wohnung leben auch eine Katze und ein Kater, Paula und Miro. Die beiden wunderbaren Katzen-Geschwister haben wir aus dem Tierheim aufgenommen. Sie sind einerseits sehr zugewandt, verschmust und verspielt, machen aber trotzdem ihr eigenes Ding und kommen und gehen durch die Katzenklappe wie sie möchten. Diese Mischung aus Autonomie und Zugewandtheit finde ich sehr faszinierend an Katzen.

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